Nachtgedanken: Das Knotenmännchen
Die große Frage, die mich zur Zeit beschäftigt: Wann ist etwas fertig? Eine fantastische Reise ist dann beendet, wenn Du nach Hause kommst und die Jacke zum tausendsten Mal über den Sessel im Wohnzimmer wirfst. Wenn das Innere Deines Koffers wartet, in den Alltagstrott über zu gehen. Da schließt sich der Kreis. Schmutzige Wäsche wandert wieder in den Korb. Dieser wartet auf die Waschmaschine. Am Schluss ist alles beim Alten. Die frischen Socken liegen wieder ineinander geschlungen im obersten Fach der Schublade.
Eine Sonderrolle spielen Souvenirs. Souvenirs haben keinen angestammten
Platz. Sie haben sich in Dein Herz gestohlen und wollen Zuneigung.
Beachtung wird ihnen nur am Anfang geschenkt, wenn die Liebe noch glüht
und die Erinnerung wie eine frische Wunde im Herzen lodert. Erst einmal
verstaut, werden sie zu traurigen Dauerbewohnern einer dunklen Kiste.
Darf ich vorstellen: Knotenmännchen. Knotenmännchen hat einen guten Start. Die dunkle Kiste bleibt erspart, im Gegenteil: Repräsentativ an der Küchentür ist der neue Platz. Ein ruhiger Platz, fand ich Knotenmännchen doch in der Dünung am einsamen Strand von Koh Chang. Idyllisch, aber aufreibend für das faserige Geschöpf. Der Sand hat Knotenmännchen mit immensen Schleifspuren gezeichnet. Den eigentlichen Job, etwas fest zu halten, hat es längst verloren. Die störrischen, faserigen Enden sind gerissen oder wurden von skrupellosen Seeleuten mit einem Messer gekappt. Nur der Kopf blieb intakt. Eine geknotete Öse, verstärkt mit rotem festen Zwirn.
Manchmal frage ich mich, ob ich das Männchen mit Wasser benetzen soll. Solche Gedanken kannst Du mit niemandem teilen. So bereite ich ein Bad vor: Der Boiler heizt warmes Wasser vor, mit der Hand versuche ich ca. 20 Grad zu erfühlen. Eine Papiertüte mit Meersalz finde ich im Schrank. Mit einer hilflosen Geste entschuldige ich mich für den falschen PH-Wert. Alles besser als die Trockenheit und Kälte einer winterlichen Altbau-Wohnung in München, denke ich mir. Laut aussprechen will ich das nicht, ich fürchte mich vor meinem Verstand, der mich genau so laut auslachen würde. Aber ohne gesprochenes Wort schmunzelt der Verstand ebenfalls nur mit einem wissenden Lächeln. Feierlich lege ich Knotenmännchen ins Wasser und eine tiefe Zufriedenheit füllt den Raum. Das Männlein schwappt ein wenig hin und her und berührt immer wieder meine Hand. Wie ein Streicheln. Es will mich festhalten. Knotenmännchen geht nur seiner Bestimmung nach.