Short Story: Der unentdeckte Knopf
Hüten Zeitschriften-Läden Geheimnisse? Das ist wohl eher zu verneinen. Modern schauen sie heutzutage aus. Das viel zu helle Licht wirft keine Schatten. Die Verkäuferin, nennen wir sie Angela, zupft Zeitschriften zurecht. Unordnung stört ihr Weltbild. Ob sie das für sich selbst macht oder für die Kunden? Wahrscheinlich würde sie wahnsinnig werden, wenn tausende bunter Titel ein irres Eigenleben führen. Oder der Kunde wird wahnsinnig und gesellschaftlich führt das zur Anarchie. Und Angela kann Anarchie nicht leiden. Fazit: Das Unerforschte versteckt sich höchstens in den Ritzen der Regale.
Wer putzt hier eigentlich? Haben Sie schon einmal bemerkt, wer in solch
einem Hochglanz-Zeitschriften-Store die Spuren des Alltags entsorgt?
Sehen Sie. Oberflächen werden geputzt. Irgendwann von irgendwem.
Angela schaut erschreckt auf. Jemand in ihrem Laden hat gewagt, zu
niesen. Dort muss der “Irgendwer” irgendwann besonders gründlich mit
dem unbekannten Reinigungsgerät putzen. Dafür wird Angela sorgen.
Langer Rede kurzer Sinn: Die 5 Minuten bei Angelika verändern mein
Leben.
Denn hinter Zeitschriften mit großen Sprüchen und noch größeren
Versprechungen grinst mich ein Gesicht an: Ein Krawattenmensch um die
40 mit unwirklich weißen Zähnen. Ich frage mich: Ist das ein richtiger
Manager oder nur ein Schauspieler, der sich für mickriges Geld
verkleidet hat? Er hat kein graues Haar und ist sicher der Schwarm
aller Frauen über 30. Manager müssen doch heutzutage graue Haare
haben, denke ich. “So profitieren Sie aus der Krise!”, diese großen Worte
formen die Schlagzeile. In Knallrot. 100/100 sagt der Grafiker. 100%
Magenta-Rot gemischt mit 100% Gelb. “Verstehe”, denke ich mir und komme
mir clever vor. “Graue Haare wären für einen Helden der
Wirtschaftskrise kontraproduktiv”.
Aber was ist das? Hat es jemand gewagt, etwas auf die Zeitschrift zu
kritzeln? So etwas kenne ich vom Zahnarzt, wenn lustige Zeitgenossen in
Wartezimmern hübschen Models Zahnlücken malen. Oder Politikern
launische Hitlerbärtchen. Unleserlich spiegelt das schattenlose Licht
die Schriftzeichen. Sie sind mit Kugelschreiber eingeritzt. Ich greife
nach dem Heft. Vorsichtig drehe ich mich nach Angela um. Oje, wenn
sie das sieht, wird sie mit den Augen rollen und ein wenig mehr in
ihrer schattenlosen Welt verzweifeln.
“Lüge!” steht da geritzt. “Kreise lieber mit dem Finger”. Ein hastig
gezeichneter Pfeil umrundet eine mit einem Kreuz gekennzeichnete Stelle
hinter dem Ohr des Managers. Frauen würden in meiner Fantasie an
markierter Stelle ein wenig Parfum tupfen, um uns Männer zu betören.
Manche würden es übertreiben, sich regelrecht mit dem kostbaren
Lockstoff selbst markieren. Der Einzugsbereich erweitert sich je nach
Windrichtung um 10 Meter. Angela scheint nicht zu ihnen zu gehören,
der Raumgeruch ist neutral. Unweigerlich ertappe ich mich dabei, wie
mein Zeigefinger schon längst diese Stelle hinter meinem Ohr abtastet.
Etwas an meinem Schädel bewegt sich. Unruhig reibe ich daran herum. Ist das eine Verletzung? Was ist los mit mir. Ich drehe mich um und blicke direkt in Angelas rollende Augen. “Habe ich Dich erwischt, Du Kreatur aus der Welt der Schatten” sagt sie mit geschlossenen Lippen. Und ein rotes, waberndes Licht strahlt aus ihrem Körper durch den viel zu hellen Raum. Das ist hoffentlich nicht ihr Parfum, denke ich mir und kann meinen entsetzten Gesichtsausdruck nicht überspielen. Erschreckt schaue ich ihr auf den Mund, der zwar verzogen ist, aber… geschlossen! “Das war ich nicht”, gebe ich ihr zu verstehen und warte auf eine Reaktion, die nicht kommt. Sie schaut mich nur an. Ich sortiere das Heft zurück und gehe in Richtung Tür. Aus dem Augenwinkel sehe ich Angela an der Zeitschrift zupfen. Auch eine Anarchie muss akkurat behandelt werden. Das wabernde Rot scheint sich zu verflüchtigen, ist fast verschwunden. Angela, wenn das Dein Duft ist, solltest Du ihn wechseln.
Der Wecker zerreißt die Stille des Morgens. Ich spüre etwas auf meinen
Füßen. Das wird Käptn Cook sein, mein großer Mischling aus Schäferhund
und Dogge mit den kleinen Schweinsaugen. Jetzt hat er mein Bett
geentert und will Aufmerksamkeit. “Hello Cookie” sage ich mit
geschlossenen Lippen und kraule seinen Bauch. Der Käptn zeigt mir seine
überschäumende Freude in einem wabernden Türkis.
